Von Jonas Gempp
Jahrelang galt die Gegend um den Hackeschen Markt herum als hipper Stadtteil, bis die Ladenmieten unbezahlbar wurden, Langweiler und Touristen das Bild dominierten. Auch wenn man kurze Zeit Hoffnung hatte, dass vielleicht die Zeit noch mal stehen bleibt oder einfach alles gut wird; Mitte ist leider ein steriler und öder Tummelplatz für uniformierte Mitläufer geworden.
Die Torstraße in Berlin war bis vor ungefähr drei Jahren, und vor allem im Abschnitt zwischen Rosa-Luxemburg-Platz und Rosenthaler Platz, eine triste, zweispurige Durchfahrtsstraße, die einerseits die beiden „Szenebezirke“ Prenzlauer Berg und Mitte voneinander trennte, andererseits Tiergarten und Alexanderplatz miteinander verband. Die Auswahl an Geschäften war eher unspektakulär; mit einer Zoohandlung, ramschigen Trödelläden und einer ziemlich verrauchten Kneipe namens Pik Ass. Lediglich ein Internetcafé namens Sankt Oberholz, das als Sinnbild für die Nachmittagsgestaltung von Medienprekären Einzug in so ziemlich jedes deutsche Feuilleton gehalten hatte, war der erste Schritt in Richtung cleane Szenemeile. Die Torstraße gehörte lange eher nicht zu den spektakulären Adressen. Die fanden sich etwas weiter südlich Richtung Hackescher Markt.
Dann stiegen jedoch gleich um die Ecke in der Neuen und Alten Schönhauser Straße die Ladenmieten ins Unermessliche, Flagshipstores und Ketten hielten Einzug und der Early-Adopter-Tross musste weiterziehen, um den Lebensraum zu erweitern bzw. zu wechseln. Die Gegend um den Hackeschen Markt herum war schon länger zur Touristenmeile und dem Flanier-Revier von Annabelle und Konstantin mit dem BWL-Studium, Smart und Bisschen-Vorbei-Modegeschmack mutiert.
So eine Veränderung und Homogenisierung des Kiezes ist eine logische Entwicklung, aber ein wenig Hoffnung schien dennoch aufzukeimen, als Mitte Mai diesen Jahres in der Torstraße etwas passierte, was danach in den einschlägigen Blogs als „Legendary Blockparty“ bezeichnet wurde. Einige Shop-Betreiber taten sich zusammen, um mehr oder weniger jungen Menschen bei einer, die Straße okkupierenden Zusammenkunft, durch die Auflegekünste irgendeines New Yorker Hipster-DJs und den Live-Act von Modeselektor zum Tanzen, Trinken und Cooltun zu animieren.
Bereits kurze Zeit nach der verrückten, einmaligen und total abgefahrenen Straßenparty konnte man sich bei Youtube perfekt inszenierte 2-Minuten-Filmchen anschauen. Diese zeigten recht schnell, mit was man es zu tun hatte; nämlich einem bis ins kleinste Detail durchchoreographierten Agentur-Reissbrett-Event mit subversivem Charakter. Nicht umsonst tauchten auf den Bildern, neben den omnipräsenten drei Streifen, C-Promis und altem Mitteadel zwischen der Füllmasse an uniformierten Totallangweilern, Bullen auf. Die Initiatoren rieben sich wahrscheinlich die Hände und freuten sich wie blöde, denn was kann es Kredibleres geben, als die Exekutive, die den Freiraum-Rave repressiert?
Die Kopie des gegenkulturellen Berliner Undergrounds war also nichts als eine hervorragend geplante Agentur-Inszenierung mit einer Kissenschlacht, die man sich geschickt von der Fusion abgeschaut hatte und die goldene Federn durch die Luft fliegen ließ. Das Spektakel ließ die Vintage-Armani-Blazer-Trägerinnen euphorisch jubeln, und es bleibt zu hoffen, dass ebendiese künftig öfters jene Shirts mit dem Aufdruck “Torstraße” tragen werden. Das könnte einen Ed Hardy-ähnlichen Effekt haben und deutlich zeigen, mit wem man beim Getränkeholen an der Bar besser keinen Smalltalk anfängt.
Bonuswitz: Die Typen, die heute die Agentur-Sause da schmeißen, haben das vor sieben Jahren vermutlich tatsächlich als Spaß gemacht. Aber sie können halt auch nichts anderes, also verkaufen sie die Idee jetzt halt.
Also mir kommt hier doch der Verdacht auf, dass hier mächtig mit der Nostalgiekeule geschwungen wurde. Es riecht mir doch stark nach einem Artikel ala früher war alles besser. Denn ich kann mich noch gut an einige Street Art Veranstaltungen so um 2004 erinnern, die alle in der Torstrasse stattfanden. Vor allem die nationalistische Agenturscheisse namens “Redesign Deutschland” blieb mir gut in Erinnerung. Die Beschriftung des Ladens ist immer noch am Fenster in der Torstrasse zu finden. In den Räumen werden jetzt aber (zum Glück) nur noch Lüftungsanlagen verkauft und keine Werbekonzepte, die man vorher aus unreflektierenden, jungrevolutionären Designstudentenfotzen, die gerade auch mit Street Art experimentieren, herausgebrainstormt hat. Die “open discussion” war dabei das Widerlichste, was mir so untergekommen ist. Das war schon damals ziemlich clean und Kritik an Nationalismus spiessbürgerlich als Geschwätz abgetan.
Heute findet sich u.a. die Dresdner Bank, Universal und die BVG auf den Referenzlisten der dort aufgetretenen Street Art Schmieden. Und ich meine, man konnte auch schon 2004 erkennen, wie dass dann ausgehen wird. Die Idee eines billigen, hippen Stadtteils, den es angeblich mal gab, ist doch pure Illusion.
Ich will der Analyse des Autors über diese Agentur-inszenierten Strassenparty gar nicht widersprechen. Angemerkt sei nur, dass dieses bescheuerte, ewig durchgekaute Underground-Geschwärme genauso zum alltäglichen, gegenkulturellen Chic gehört, den man denjenigen Vorwerfen kann, die dann später die Agenturen bevölkern.
Was Redesign Deutschland mit “nationalistischer Agenturscheiße” zu tun haben soll, ist mir ein Rätsel. Es war ein ziemlich lustiger Kommentar auf diesen ganzen Identitätsblödsinn, der um die Jahrtausendwende verbreitet wurde, inklusive der deutschen Rechtschreibreform. Das war das Manifest:
1. REDESIGNDEUTSCHLAND neu gestalten deutschland in all bereichs.
2. REDESIGNDEUTSCHLAND entwickeln strategies und produkts fuer gross gemeinschaft von gluecklich und gleichberechtigt menschs.
3. REDESIGNDEUTSCHLAND wissen: Einfachst loesung sein gutst loesung.
4. REDESIGNDEUTSCHLAND sein kollektiv von expertes. REDESIGNDEUTSCHLAND verbinden designers, technikers, jurists, architekts, wissenschaftlers von all disziplins.
5. REDESIGNDEUTSCHLAND sein kommerziell und kommunal projekt. All mitglieder sein beteiligen an all gewinns zu gleich teils. All beschlusss sein fassen von all mitglieds.
6. REDESIGNDEUTSCHLAND einfuehren dezimalsystem in all bereichs. 1 tag haben 100 stundes. 1 stunde haben 100 minutes. 1 jahr haben 1000 tags.
7. REDESIGNDEUTSCHLAND ersetzen deutsch durch rededeutsch. Rededeutsch vereinfachen grammatik und erlernbar sein ohne vorkenntniss in wenig stundes.
8. REDESIGNDEUTSCHLAND bieten loesungs, das global gelten. REDESIGNEUROPE und REDESIGNWORLD kommen.
9. REDESIGNDEUTSCHLAND sein eintragen warenzeichen. 10. REDESIGNDEUTSCHLAND.
Die einen finden so was lustig, die anderen nicht. Die einen schreiben war von “unreflektierenden, jungrevolutionären Designstudentenfotzen”. Die anderen nicht.
liebe hate “redaktion”
da ich bei eurer Tag- Cloud das Wort Ironie nicht gefunden habe, sah ich mich mit der Frage konfrontiert ob ihr das nicht etwa ernst meint?
zitat “Mitte ist leider ein steriler und öder Tummelplatz für uniformierte Mitläufer geworden ”
sorry, wie kann man so eine scheiße von sich geben und das unter dem Sammelbegriff “Relevanz” zusammenfassen? vielleicht versteht ihr unter Relevanz ja auch etwas anderes, als damit mal ürsprünglich ausgesagt wurde.
Von welcher Szene auch immer hier die Rede ist, ich hoffe ich werde niemals ein Teil von ihr sein. Würdet ihr gerne den Kiez bevölkert sehen mit Leuten die sich mehr um ihre Kleidung sorgen, als irgendetwas nicht selbstbezügliches, also “relevantes”, zu machen.
dumme kinder
Ein Abgesang auf Mitte im Jahr 2010 ist ja schon eher süß. War das nicht 2001/2002 mal ein Thema?
Solange es noch “Institutionen” wie den Schokoladen oder das Tacheles gibt, ist das tatsächlich noch Thema, aber diese sind ja nun auch schon stark gefährdet. Beim vielen Jammern wird vergessen, dass man auch aktiv mithelfen kann, die Konsolidierung des Kapitals ein wenig aufzuhalten und zum Beispiel mit zu demonstrieren (10. Juli Megaspree!). Ob die Leute dabei ihre neuesten Schals vorführen, weil sie sich dann hipper fühlen, ist mir allerdings egal. Aber meistens (heutzutage) trifft man ja die “hippen” Leute eher nicht bei politischen Veranstaltungen…
ist das nicht seit mitte der 90er ständig und immer wieder ein thema?
yes, no, maybe, i don’t know, can you repeat the question…