Die einen wollen nicht erwachsen werden, die anderen nicht mehr jung sein. Und alle schauen im Fernsehen Serien mit Jugendlichen, die aussehen wie Erwachsene, die angezogen sind wie Teenager, die Probleme haben wie Erwachsene. Nina Scholz ist eingetaucht in diese verdrehte Welt, aus der es scheinbar kein Entkommen gibt.

„One thing doesn‘t change: Teenagers suck.“ Frankie Heck

Es ist schon etwas länger her, da passierte etwas Ungeheuerliches. Ich machte zwei prägende Erfahrungen: Ich war um die 19 Jahre alt, hatte gerade mein Abitur hinter mich gebracht und zog zum Studieren in eine große Stadt.

Die erste Erfahrung machte ich gleich zu Beginn meines Studiums. Nach meinen ersten Politikseminaren hab ich mich gleich an Tobias rangehangen; ich sah uns als Verbündete in einem Institut voller Streber, denn Tobias hatte Dreadlocks, wohnte wie ich in einer WG, legte Drum ‘n‘ Bass auf und ravte gerne. Es gab nur ein Problem: Tobias war konservativ. Nicht wertkonservativ und religiös wie die Christen-Spinner in meiner alten Schule. Religion interessiert ihn nur als, Zitatanfang: wertmoralische Stütze der Gesellschaft, Zitatende. Viel wichtiger war es ihm, in unserer sich so schnell verändernden Welt die Werte herauszubekommen, die sie stabilisierten. Von meinen frisch aufgesaugten Begriffen wie Dekonstruktion, Fortschritt, Umwälzung wollte er nichts wissen. Mein Kopf schwirrte: Wir konnten also jeden Abend ausgehen, kulturell alles miteinander teilen und trotzdem nicht einmal einer Meinung sein?

Die andere Erfahrung war etwas langwieriger, und es hat mich mehr Zeit gekostet zu verstehen was los ist: Ich hatte meine Abizeit in der fälschlichen Annahme verbracht, dass es nun bald losgehen würde mit diesem richtigen Leben, ein bisschen wild, ein bisschen verantwortungsbewusst und dabei stetig erwachsener werdend. Doch lange Zeit passierte erstmal: Nichts.

Kombiniert man beide Erfahrungen, kann man sich ausrechnen, dass ich meine Zwanziger mit ganz schön vielen Fragezeichen und sehr wenig Ahnung verbracht. Beides ist richtig. Beides war schön. Beides ist nicht unbedingt vorbei.

Die Einsicht, dass Werte ins Strudeln gekommen, Links und Rechts, Oben und Unten als Koordinaten in Auflösung begriffen sind, ist ziemlich allgemeingültig für diese sogenannten Nuller-Jahre, die weder gesprochen noch geschrieben schön sind. Die Zwanziger, oder sogar die Dreißiger läuten für viele nicht mehr die Phase in dieses sogenannte Erwachsensein ein. Selbst ehemals bedeutende Meilensteine wie abgeschlossenes Studium, Arbeitsverträge, Versicherungen, Steuererklärungen oder auf die Welt gebrachte Kinder bilden keine verlässlichen Initiations-Grenzen mehr.

Dabei hätte ich das alles schon ahnen können, denn eine Generation kann man doch immer noch am besten an ihren Vorbildern erkennen. Und die Vorbilder meiner Bezugsgruppen sind allesamt nicht erwachsen. Ständig höre ich Freaks and Geeks, Angela Chase und Jordan Catalano, Buffy, Rory Gilmore, Eric Cartman.

Einzige Gemeinsamkeit dieser Helden meiner Freunde: Sie gehen alle noch zur Highschool. Ist das nicht ein bisschen merkwürdig? Wohl nicht, bei Serien, in denen Waffen, Sex und Vampire zum Leben gehören und in einer Welt, in der keiner mehr erwachsen werden möchte. Sehen diese vermeintlichen Jugendlichen im Fernsehen nicht auch oft wie 30jährige aus? Schon bei Dawson‘s Creek schien es sich eher um eine Mimesis zu handeln, bei der Erwachsene Schüler spielen, die Probleme von Erwachsenen haben. Die wichtigste Information ist vielleicht, dass die Autoren, die diese Figuren entwerfen, ja selbst ein Zerrbild ihrer eigenen Jugend mitschleppen. Eine Jugend, die lange zurück liegt und trotzdem nicht beendet scheint. Kann wirklich nichts mehr kommen nach dieser Postmoderne? Jedenfalls lagen die Begriffe Generation und Geburtskohorte noch nie soweit auseinander. Aber nicht nur jung und alt verhalten sich auffällig deckungsgleich, auch links und rechts sehen sich inzwischen zum Verwechseln ähnlich.

Punk sind außerdem auch noch alle. Sogar Oliver Kahn. In dem neuen Magazin Business Punk, das die Welt auf den Kopf stellt – aber nicht in dem Sinn, in dem es intendiert war – gibt er Auskunft über die krasse Wildheit in seinem Leben: „Wenn morgens auf dem Firmenparkplatz alle längs in die Parklücke fahren, fährst du eben einfach mal quer rein. Schon hat sich etwas bewegt, schon entsteht Energie”, erzählt der Ex-Torwart einem Interviewer. Aussehen wie der Verteidigungsminister Guttenberg ist Rock ‘n‘ Roll, das ist das traurige Lehrstück dieser Jugend, von der die ersten schon in den Vierzigern sind. Die Jugendlichen von heute! Sie bauen sich selber aus den schon so oft zusammengesetzten Vorlagen zusammen. Gemeinsam alleine zu sein, das ist ihre einzige Schnittmenge. Jeder ist immer schon der andere. Das ist die neue Isolation. Eine Babuschka-Puppe, als deren kleinster Bestandteil immer nur das Murmeltier grüßt. Sie sind alle sophisticated, geistreich, brutal, wissend, naiv, strampelnd, rührselig, zynisch, ausgebildete Hochstapler, hedonistisch, idealistisch, pflichtverdrossen. Sie führen sich auf und erwarten Autonomie und Individualität, von sich, von anderen. Beides wird ihnen verwehrt. Sie haben Angst vor dem Alleinsein, vor dem Zusammensein, vor dem Anderssein, vor dem Gleichsein.

Abgleichen, anpassen, anordnen. Das sind die Zauberwörter, die den Generationenbegriff aufgelöst haben. Ihren Serien geht es nicht anders. Die Neuauflage des noch verhältnismäßig unschuldigen Beverly Hills 90120, kurz nur noch 90210, wurde erst erfolgreicher, als die Dramen der Protagonisten nicht mehr denen von Teenagern entsprachen, als Tod, Mord, Sex, Betrug in den berühmtesten Zipcode der Welt einzogen. Melrose Place wurde daraufhin auch wiederbelebt. Funktionierte die Serie in den frühen 90ern noch als Generation-X-Soap, kann man beide Serien nun nicht mehr unterscheiden. Letztere wird wohl in Ermangelung von Zuschauern nach der aktuell laufenden, ersten Staffel eingestellt werden.

Der Fernseher spielt im Teenagerdasein eine wichtige Rolle. Mit der viel beschworenen Isolation irgendwelcher Pädagogenspinner, die bloß Angst angesichts irgendwelcher von der Steckdose betriebenen Innovationen haben, hat das allerdings nichts zu tun. Ein paar Geisteswissenschaftler ahnen das: Fernsehschauen sei soziales Verhalten, behaupten sie. Es liefert gemeinsame Erfahrung, Referenzrahmen und erleichtert die Wachstumsschmerzen des Erwachsenwerdens, weil zumindest dort sie jemand versteht.

Aber was hat der isolierte, einsame Gang eines amerikanischen Jugendlichen durch einen Highschool-Speisesaal, was haben seine Verletzung und seine Erniedrigung, dass niemand neben ihm sitzen möchte, seine Schmetterlinge im Bauch, wenn er die Cheerleaderin sieht, mit dem Leben so genannter Postadoleszenten in westeuropäischen Metropolen gemeinsam? Wie im sogenannten richtigen Leben geht es den Figuren wie uns darum, die großen sozialen Probleme in einem individuellen Nahkampf mit uns selbst zu bewältigen. Paradoxerweise sind sowohl Teenager als auch TV-Show erst langsam auf dem Weg ernst genommen zu werden. Auch die unfertigen Erwachsenen haben Rechtfertigungsprobleme. Seit die Drehbuchautoren also über sich selbst schreiben und keine Jugendlichen mehr erfinden müssen, die sie aus Pädagogenbüchern, empirischen Studien und Vorurteilen zusammenschreiben, sind ihre Serien auf allgemeinem Erfolgskurs. Die Sender haben jetzt auch die Zuschauer bis 45 im Visier.

Und was ist mit denen, die wirklich jung sind? Die fühlen sich verstanden. Vielleicht doch nicht alles falsch in Absurdistan. Nicht nur das Erwachsensein ist jetzt ein fantastischer Primat, auch die Kategorie Teen funktioniert nur im Hybridstadium, muss immer auch Comedy, Soap, Melodram oder Vampirserie sein. Aber es sind ja nicht nur die Serien, sondern auch die Filme. Spätestens seit Wes Cravens Scream hat sich das Slasher-Genre vom Erwachsenengrusel, der mit Jugendlichen besetzt wird, tatsächlich zum Teeniehumbug entwickelt – und wird nicht zuletzt von Enddreißigern geschaut. Die erzeugte Furcht ist im Übrigen nicht deckungsgleich mit teenage angst.

Die Rechnung hat die Filmindustrie schon in den 50er Jahren gemacht. Das „Peter Pan-Prinzip“ geht so: Da ein junger Mensch alles schaut, was ein älterer auch schaut, aber ein älterer nicht, was ein junger schaut, und da ein Mädchen auch alles schauen möchte, was der Junge sieht, der Junge aber bei weitem nicht das, was das Mädchen mag, muss man soviel Serien und Filme wie möglich drehen, die 19-jährigen Typen gefallen würden. Nun gut.

Realität und Fiktion waren jedenfalls nie mehr verschlungen als in den aktuellen Teen-Serien. Nicht weil ihre Darstellungen von Dramen, Problemen und Figuren so ungeheuer realistisch sind, sondern weil die Realität der Drehbuchautoren denen der Schüler entspricht. Sie hören vielleicht nicht die gleiche Musik, sie verstehen sich aber dennoch. Schön für die Schüler, vielleicht sollte sie aber schon mal jemand vorwarnen, dass sie keine neuen Erfahrungen mehr machen werden im Hamsterrad der Postmoderne. Aber auch die Älteren fühlen sich aufgehoben: Das Überzeichnete der Teenfiguren einerseits, aber die Reduzierung ihrer Probleme auf „one case, one week“ scheint die Hysterien ihrer Identitäten mit einer gewollten Einfachheit zu kreuzen, die es in diesem richtigen Leben lange nicht mehr gibt. Die meisten Highschoolserien scheitern am eigenen Plot, wenn die ProtagonistInnen dann zur Uni entlassen werden. Den Bruch verkraften weder der Schauspieler noch die Autoren, denen dann die guten Geschichten ausgehen. Die Graduation-Folge beendet die Erfolgswelle der Highschoolserie. Aber wie heißt es so schön: You never graduate life.

Category: Magazin, Relevanz

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4 Responses

  1. Nerdonia says:

    ich mag am liebsten
    Sheldon Cooper

    !!!!

    .___.
    ..

  2. Nerdonia says:

    ööö
    ää
    üüü
    umlaut test
    ???ßßßß???

  3. Nerdonia says:

    nanu, warum hats dem Sheldon eben die öö
    Augen weggehauen?

  4. Nerdonia says:

    …im Hamsterrad der Postmoderne…
    schön gesagt -alles dank Bologna-Prozess (der jedes Stupidum zum Straf-Prozess macht, vgl. Postmoderne, Foucault, Überwachen und Strafen)
    und Bachelor/Master-Plattmache der europäischen Geisteskultur im Dienste der US- und anglosaxian Effizienzvergötzung

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