von Nina Scholz

„Wir fahren am Wochenende mal raus.“, ist die schlimmste Antwort, die ich mir auf die Frage „Was macht ihr am Wochenende?“ vorstellen kann. Ikea, Kaffee und Kuchen bei den Eltern, Operationen, keine Antwort ist so schlimm wie das Bild vermeintlich gestresster Großstädter, die am Wochenende raus aus der Stadt in die Natur müssen.
Vielleicht ist die Frage auch schon falsch gestellt, denn bei Leuten, die ihren Monat in vier Wochen und dann noch vier, wenn sie Glück haben auch mal fünf Wochenenden einteilen, passt wohl auch die Dichotomie Stadt gleich Hektik, Natur gleich herrliche Entspannung.
Was für ein schrecklicher Irrtum, denn es ist genau anders herum: In der Stadt geht der Kopf an, da gibt es Menschen (na gut, das kann auch ein Nachteil sein), Buch- und Plattenläden, Restaurants, Cafés, Ausstellungen, Häuser und meist gerade Straßen. Kurz: Zivilisation. Im Wald gibt es Bäume, Tiere, Ungeziefer und das Schlimmste: Ruhe.

Vor einigen Jahren war ich im Urlaub in Toronto. Das ist eine wirklich schöne Stadt und ich hatte auch einen fabelhaften Urlaub, bis ich am vorletzten Tag auf die verrückte Idee gekommen bin, mir diesen sagenumwobenen kanadischen Wald, der aus Funk und Fernsehen bekannt ist, mal näher anzusehen. Ich bin also mit dem Bus in seine Richtung gefahren, in ihn reingelaufen und musste mich dann erstmal mit meinem glücklicherweise mitgebrachtem iPod und Zigaretten von der Ruhe und den Grün- und Brauntönen ablenken). Ich hab es dann noch eine Weile auszuhalten versucht, aber kurz bevor ich beinahe an Langeweile gestorben wäre, bin ich zurück in die Stadt gefahren. Immer schön in der Nähe der surrenden Autobahn.

Ehrlich, ich versteh nicht, was die Leute in diesem Wald suchen. Ist das nicht auch einfach nur einer jener verrückten Ideen, die uns zurück zum ominösen Menschsein bringen soll, wie barfuss durch Schlamm laufen, Kamine anzünden und Cremes benutzen, die nach Mittelaltercholera stinken?

Es ist ja so, dass die Stadt alles bietet, also auch Wälder, die heißen bloß Parks und man bekommt vor Augen gehalten, dass nicht der liebe Gott, sondern eine andere höhere Gewalt, wie zum Beispiel die Stadtverwaltung, sie angelegt hat. Das scheint für manche Leute blöd zu sein, für mich ist das eine beruhigende Gewissheit, weil ich meine waldängstlichen Neurosen sehr gut im Zaum halten kann, wenn ich weiß, dass das nächste Trottoir keine fünf Minuten entfernt ist. Sollten eine Decke und Bier vorhanden sein, setze ich mich sogar mal hin.
Im Kleinen wie im Großen haben diejenigen, die gerne die Stadt gegen den Wald ausspielen, nichts verstanden. Im Kleinen scheinen sie selbst in der Vielfalt, die Städte anzubieten haben, nichts mit sich anfangen zu können. Dafür muss man ja nicht mal rausgehen, denn selbst auf einem Sofa liest es sich gemütlicher und konzentrierter als auf einem Ast. Im Großen wird ja immer vom Moloch gefaselt, von dem Dschungel, der bösen Stadt, die den Mensch entfremdet habe. Von was denn? Von im Wald in Hütten leben und kein Internet haben?
Und dann immer diese tollen Vorschläge, dass man die Bäume anschreien und seine ganze Wut im einsamen Wald rausbrüllen soll. Das ist ja nun der Gipfel der Blödheit. Ich bleib weiterhin in der Stadt und brülle die Leute an, die schuld sind an meiner miesen Laune. Und wenn der Wald selbst schuld ist, dann trete ich stellvertretend gegen den Baum in meiner Straße. Der versperrt mir sowieso die Sicht.

Category: Magazin

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3 Responses

  1. [...] dem von Nina Scholz verfassten Artikel Tatort Hassort: Wald für das Hate Magazin. Schlimm ist ihr das Bild vom „vermeintlich gestressten [...]

  2. Jens says:

    Liebe Nina,
    nimm Dir doch bei Deinem nächsten Wald- oder Naturbesuch einen guten Freund mit. Hoffentlich könnt ihr dann zusammen die grenzenlose Schönheit und den Frieden unserer ursprünglichen Welt genießen.
    Peace & Love
    Jens

  3. Björn says:

    Liebe Nina,

    bleib lieber mit mir in der Stadt. Seit zwei Jahren nämlich zieht einer meiner Freunde alle meine anderen Freunde über die Schönwetter-Wochenenden in ein kleines Kaff ab – Stefanshagen (Name vom Schreiberling geändert). Dort erholen sich alle ganz prächtig und freuen sich über Ruhe (äähhhhh – siehe dein Text) und Natur (Hüstel). Das Schlimmste: man muss beim Renovieren helfen, im Gegenzug für Logis sozusagen. Oder im Garten…

    In Berlin gibt’s auch schöne Gärten. Mit Bewirtschaftung. Nina, wie wär’s?

    Gruß,
    Björn

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